Aktuell
... jeden Monat frisch aus der seezunge-Redaktion des akzent.
Weinseelig Juli 2010
Qualität statt Quantität
Martin Wolfer hat hohe Ansprüche an seine eigenen Weine und führt den Familienbetrieb am östlichen Stadtrand von Weinfelden in eine neue Zeit.
Der Dunst will sich heute noch nicht so schnell verziehen, doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Aussicht großartig ist: Wenn man am Hang des Ottenbergs vor dem Weinkeller und Wohnhaus von Martin Wolfer und seinen Eltern steht, blickt man direkt zum Säntis hinüber, der Blick schweift über die Reben, die nun kräftig zu treiben beginnen. Pinot Noir (also Spätburgunder), Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Gewürztraminer wachsen hier. Hansruedi Wolfer, sein Onkel, putzt und schmiert gerade die Mähmaschine für die Grünstreifen zwischen den Reben. Immer jede zweite Reihe wird gemäht, damit sich genügend Raubmilben und andere Nützlinge dort aufhalten und die Schädlinge in Schach halten können. Auf dem Weingut Wolfer wird integrierter Weinbau betrieben, also mit möglichst wenig Einsatz von Herbiziden und Pestiziden. 1975 wurden der Weinkeller und das Wohnhaus erbaut und der Weinberg mit Reben bestückt. Sechs Hektar Rebfläche befinden sich hier im Bründlerberg und drei Hektar im Waidli am anderen Ende von Weinfelden. Martin Wolfer sieht man die Freude an seiner Arbeit an. Der 28-Jährige trägt nun seit vier Jahren die Verantwortung für den Weinkeller und hat schon beachtenswerte Auszeichnungen errungen: 2009 war seine rote Assemblage Sequana aus Regent, Pinot Noir, Léon Millot und Garanoir unter den sechs besten beim Grand Prix du Vin Suisse. Sie überzeugte durch ihr harmonisches Zusammenspiel der vier Rebsorten. Beim gleichen Wettbewerb erhielten sein Sauvignon Blanc und sein Pinot Noir Grand Vin jeweils eine Goldmedaille. Der Senior Alfred Wolfer ist mehr für den Verkauf zuständig, wenn es jedoch um die Pflege der Reben geht, arbeiten Vater, Onkel und Sohn zusammen. Auch die Ehefrauen arbeiten in verschiedenen Bereichen mit.
Guter Wein ist wie Jazz
Martin Wolfers Ziel ist es, interessante, gehaltvolle Weine in hoher Qualität zu erzeugen und ein Sortiment anzubieten, bei dem für viele Anlässe und Geschmäcker etwas dabei ist. Eine Besonderheit ist der Federweisser – ein zartrosa-leichter Wein aus Pinot Noir-Trauben, der nach einem halben Jahr Reifung genossen werden kann. (In der Schweiz hat "Federweisser" eine andere Bedeutung als in Deutschland, wo eine Bezeichnung für den jungen Wein ist!) Im Gegensatz zu einem Weißherbst ist der Federweisser leichter und hat ein frischeres Bouquet. Eine weitere Besonderheit ist der Pinot Noir Grand Vin: Die Trauben für diesen Wein werden am unteren Ende gekappt, sodass die einzelnen Beeren besser ausreifen können und ohne Fäule makellos heranreifen. In ihnen konzentriert sich viel Geschmack, und sie weisen auch einen höheren Oechslegrad auf. Nur 500 Gramm dieser Trauben können pro Quadratmeter geerntet werden, jedoch lohnt sich diese kleine Menge aufgrund der hohen Qualität des Weines. Nach dem Pressen wird die Maische länger als bei anderen Trauben stehen gelassen, sodass der Wein die Höchstmenge an Geschmacksstoffen aufnehmen kann. In den Barrique-Fässern bleibt dieser Wein zwölf Monate lang und wird erst gefiltert, ehe er in die Flasche kommt. An den Etiketten der Weine ist die lange Winzertradition der Familie Wolfer zu erkennen: „Burgherrewy“ heißen die sortenreinen Weine, und das Etikett ziert ein Schweizer Burgherr. Ganz anders dagegen das Etikett der roten und weißen Sequana Assemblagen: schlicht, klar, ohne Schnörkel aber dennoch stilvoll steht drauf, was drin ist. Ebenso stilvoll und klar ist der Degustationsraum des Weinguts Wolfer eingerichtet: mit hellen Holzmöbeln, ohne überflüssige Dekoration, aber dennoch gemütlich. Zu den Degustationen werden Brot und Käse aus der Region gereicht. Wenn man die Weinprobe mit einem Essen verbinden möchte, arbeitet die Familie Wolfer mit Gastronomen aus Weinfelden zusammen. Das Weingut Wolfer ist auch auch in dem umfangreichen Reiseführer „Thurgau Bodensee“ (Reise Idee-Verlag Jens Wächtler, Kempten) empfohlen. Gemeinsames Fazit des Besuches bei Martin Wolfer: Guter Wein ist wie Jazz – je besser man die Strukturen, die Begeisterung und die Arbeit kennt, die darin stecken, desto besser kann man ihn genießen.
Weingut Wolfer, Bründlerbergstrasse 15, CH-8570 Weinfelden, Tel. +41 (0)71 622 26 41,
www.wolferwein.ch
Text: Susanne Breyer


