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Weinseelig Juni 2008
Ein Schatz vor der Haustür
(CH-Thurgau) Vor rund 160 Jahren wurde der berühmteste Thurgauer in Tägerwilen geboren: Dr. Hermann Müller. Berühmt wurde er für seine Fähigkeiten im Weinbau. Er kreuzte die Rebsorten Chasselas und Riesling. Daraus entstand der noch berühmtere Weißwein: Müller-Thurgau.
Doch der Kanton Thurgau hat noch mehr zu bieten: Die Rebsorte Spätburgunder, in der Schweiz Pinot Noir oder Blauburgunder genannt. Daneben bauen die WinzerInnen auch andere Rebsorten an, was zeigt, dass sie offen für Neues sind. So bestocken sie kleine Flächen mit Garanoir oder mit der immer beliebter werdenden Regent. Doch Hand aufs Herz, liebe Leserinnen und Leser: Haben Sie schon einmal einen Thurgauer Wein probiert? Noch nicht? Auch hier ist eine bereichernde Grenzüberschreitung gefragt! Das Weinanbaugebiet im Thurgau liegt vor der Haustüre. Es erstreckt sich zwischen den Gemeinden Schlattingen, also in der Nähe von Stein am Rhein, über Ettenhausen im südlichen Kanton und Hagenwil bei Romanshorn. Die Lagen machen deutlich: Bei Stein am Rhein herrscht ein anderes Klima, bedingt durch den Fluss, als bei Ettenhausen, das viel weiter weg vom Bodensee liegt. Schon aus diesem Grunde kann man von individuellen Weinen und von Vielfalt sprechen. Bei den Thurgauer WinzerInnen gibt es einiges zu entdecken. Ich fange einmal mit dem Buchstaben B an: B für (Weingut) Burkhart in Weinfelden. Kennen Sie die fantastisch seidigen Spätburgunder vom jungen Winzer Michael Burkhart oder den feinen Ottenberger Müller-Thurgau des Weingutes Broger in Ottoberg? Wussten Sie, dass die Karthause Ittingen über acht Hektar Rebfläche verfügt und das Weingut Wägeli in der Ortschaft Buch neben dem betriebenen Weinanbau auch Schnäpse brennt? Die beiden großen Wein-Genossenschaften des Thurgaus, Volg Weinkellerei und Rutishauser Weinkellerei, arbeiten erfolgreich mit anderen Winzern zusammen. An dieser Stelle gilt es ein altes Vorurteil abzubauen: Genossenschaften können hervorragende Weine produzieren, die vielfach ausgezeichnet werden, und zwar mit den wirklich wichtigen Preisen.
Der Charakter zählt
Ein guter Wein entsteht nicht nur durch die Fähigkeiten von WinzerIn und Rebe, auch das Umfeld zählt. Hier kommt der Begriff „Terroir“ ins Spiel, der in der Weinwelt für unterschiedliche Ansichten sorgt. Während die sogenannte „Neue Welt“, wie Südafrika, Australien und Nordamerika dem Begriff eine geringere Bedeutung zuschreibt als es in Europa geschieht, gelingen doch den meisten Weinanbaugebieten große Weine. Unter Terroir versteht man das komplette natürliche Umfeld des Weinberges. Wichtig sind die Bodenbeschaffenheit, die lokale Topografie und die Klimata, sowohl in der Region aber auch im Weinberg und am Rebstock. Da Reben warme Tage und kühle Nächte lieben (oder sollte ich besser sagen, die Weinliebhaber, denn die Temperaturschwankungen sorgen für einen komplexeren Wein) finden die Rebstöcke im Thurgau gute Bedingungen vor, besonders für die bevorzugte Rebsorte Spätburgunder, die keine spanischen Temperaturen liebt, da sie bei zuviel Hitze „marmeladig“ daher kommt.
General Foch im Thurgau
Damit ein guter Wein gelingen kann, kommen die Winzer auch nicht um eine Ertragsproduktion herum. Will heißen: Große Erntemengen pro Rebstock führen zu einem schwachen, langweiligen Produkt. Nur wer den Ertrag bereits am Rebstock reduziert, potenziert die Kraft und Qualität der Pflanze in wenige Trauben. Doch Rebstöcke, die eine große Menge produzieren, sind krankheitsanfälliger, besonderes für Pilzerkrankungen wie Mehltau. Dann wird gespritzt, in der Regel mit Pestiziden, denn die Pilze gehen nicht zugrunde mit „zarten“ Mittelchen und gutem Zureden. Wer also Naturschutz unterstützen möchte, der sollte Qualitätsweine trinken. Auch wenn der Winzer oder die Winzerin sich nicht für einen Biobetrieb entscheidet, jedoch für Qualität, dann ist das immer die bessere Wahl, als Massenwein, sprich Tafelwein, zu trinken. Dass die Schweizer Produzenten vielfach naturnah arbeiten ist bekannt. So haben sich die Thurgauer Winzerbetriebe entschlossen, der Integrierten Produktion im Weinbau zu folgen. Die Integrierte Produktion ist aus der Erkenntnis entstanden, das nicht alles, was kreucht und fleucht schädlich ist. Chemie wird nur eingesetzt, wenn die Zerstörung des Ertrages absehbar ist. So geben sie den Nützlingen wie Marienkäfer, Florfliegen und Schlupfwespen mehr Raum zum leben, ebenso dem Gras und Kräutern, welche zwischen den Rebstöcken wachsen. Doch gibt es auch ganz ausgewiesene Bio-Weingüter, wie das Cultiva Weingut von Maria und Fredi Strasser-Coray in Unterstammheim. Sie bauen interessante Rebsorten an, wie die Rotweinsorte Maréchal Foch, benannt nach dem 1. Weltkriegsgeneral Foch. Diese Rebsorte wurde früher im großen Stil an der Loire angebaut, ist aber heute noch vielfach in Kanada und im Bundesstaat New York zu finden, sonst ist sie recht selten geworden. Oder Solaris! Diese relativ Pilz widerstandsfähige Sorte zeichnet sich durch ein würziges und fruchtiges Aroma aus (und ist aufgrund dieser Eigenschaften ideal für ein Bio-Weingut). Wie wärs also mit einem kleinen Ausflug aufs Land in die „Sommerfrische“? Am besten an einem schönen Wochenende im Juni, jetzt da die „linden Lüfte“ erwacht sind. Über vierzig Weingüter stehen für eine Schatzsuche bereit.
Wein- und Gourmetwanderung im Thurgau
Am 15. Juni findet eine Wein- und Gourmetwanderung im Seebachtal (nördlich von Frauenfeld im Thurgau) statt. Die Wanderung von rund 8 km, mitten durch die Reben des Seebachtales, führt zu sechs ausgesuchten Rastplätzen, an denen sich die TeilnehmerInnen mit kulinarischen Leckerbissen und über 30 ausgesuchten Weinen verwöhnen lassen können. Datum: 15. Juni Start: ab 9:30 Uhr alle 15 Minuten Kosten: 72 CHF. Anmeldeschluss für akzent-Leser: 6. Juni.
Weitere Informationen:
www.thurgauweine.ch
www.huettwilerweine.ch
Text: Rebecca Koellner


