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Weinseelig Februar 2008

Barolo am Bodensee

Barolo am Bodensee

(D-Konstanz) Das Wort des Jahres 2007 heißt „Klimakatastrophe“. In den Medien wurde es bereits vielfach in „Klimawandel“ umgetauft. Das klingt nicht ganz so schlimm. Und dann ist da noch die Rede vom „Klimasegen“.

Dieser Begriff wird gern in der Weinbaubranche verwendet, denn die hiesigen Winzer profitieren von der Erwärmung des Klimas. Schließlich fehlt es den Rebstöcken hierzulande oftmals an Sonne, denn ein guter Wein braucht beides: kühle Nächte und warme Tage. So sorgt der Klimawandel für ein milderes Klima, das hochwertige Rebsorten besser gedeihen lässt. Nun ist es ja nicht so, dass sich Winzer einen stärkeren Treibhauseffekt wünschen. Qualitätsorientierte Winzer wünschen sich vor allem eine intakte Natur, denn sie sind von ihr abhängig. Allerdings müssen sie sich einstellen auf die Veränderungen, die das Klima mit sich bringt. Was sind also die Folgen der Klimaerwärmung? Weinbaumöglichkeiten wie in Italien? Trinken wir bald einen Nebbiolo, die Rebsorte für den berühmten Barolo, von der Konstanzer Sonnenhalde? (Barolo ist die Gebietsbezeichnung für die hervorragende Weinanbauregion im Piemont.) Die Winzer sind sich einig: Der Klimawandel ist längst Realität. Wenn sie früher den Zuckergehalt der Trauben bei rund 55 Grad Oechsle ansetzten, so sind mittlerweile auch 80 Grad Oechsle möglich. Längst haben sie Klimaforscher mit Studien beauftragt, denn sie wissen: Nicht nur ideale Rebsorten für die wärmer werdenden deutschen Anbaugebiete müssen gefunden werden, die den Kunden schmecken, sondern die Winzer müssen sich auch bei der Weintechnologie und bei der Standortwahl der Rebsorten sowie beim Kundengeschmack auf eine neue Situation einstellen. So ist die Folge eines wärmer werdenden Klimas Weine mit höherem Alkoholgehalt. Damit und mit weniger Säure gilt es ausdrucksstarke Weine zu kreieren. Diese Weine schmecken gehaltvoller und intensiver – und das ist das, was den Kunden gefällt, denn der Einheitstrend, der irgendwann mit McDonald’s begann, hat auch die Weinkonsumenten erreicht, die vielfach nach weichen, süßlichen und vollmundigen Produkten verlangen. Die Fachwelt spricht daher von einer "Coca-Colarisierung" der Weine. Doch Deutschland stand bis dato für schlanke, stahlige, bzw. fruchtige Weißweine, die aus Riesling, Müller-Thurgau und Silvaner – um nur drei Rebsorten zu nennen – gekeltert werden. Bei den Rotweinen dominieren Spätburgunder, Dornfelder und Portugieser, die eher leicht daherkommen. Soweit die Tradition. Nun entdecken immer mehr deutsche Winzer die weiße Rebsorte Sauvignon Blanc, die sich in Südtirol, im Friaul und Neuseeland besonders wohlfühlt und tolle Weine hervorbringt, oder die Barolo-Rebsorte Nebbiolo, beheimatet im norditalienischen Piemont, die für die renommiertesten Weine Italiens steht. Wenn im Piemont bereits von der Gefahr der Versteppung geredet wird, aufgrund von ausbleibenden Regen oder plötzlichen sintflutartigen Regenfällen, freuen sich deutsche Winzer über den Zuwachs aus Norditalien: Längst haben die Kaiserstühler Winzer die Rebsorte Nebbiolo angebaut. Dort fühlt sie sich bereits sehr wohl und zu Hause, ebenso wie Merlot und Cabernet-Sauvignon. Winzer hierzulande bestocken ihre Weinberge zunehmend mit diesen feinen Rebsorten, denn sie sind Kandidaten für ein wärmeres Klima. So fügen sich zwei Dinge für die deutschen Winzer: Der Wunsch der Konsumenten nach vollen Weinen und die steigenden Temperaturen in Deutschland. Der Klimawandel verheißt jedoch nicht nur Gutes für den Weinbau hierzulande: Auch manche Schädlinge fühlen sich angesprochen, die nur zu gerne an ihre Zerstörungsarbeit gehen. Das widerrum fordert eine wirksame Schädlingsbekämpfung – kein leichtes Unterfangen, will der Winzer naturnah, also mit möglicht wenig Pestiziden auskommen. Hinzu kommt: Schwankungen in der Niederschlagsmenge werden extremer: Dort, wo es schon immer viel geregnet hat, regnet es noch mehr, und dort, wo eher Wassermangel vorherrscht, wird es noch trockener. Trotz der Herausforderungen im Weinbau gilt Deutschland als größter Profiteur des Klimawandels. Das zeigt sich besonders deutlich am nördlichsten Weinanbaugebiet Deutschlands, Saale-Unstrut bei Halle, das für seinen Jahrgang 2005 hochgelobt wurde und das noch vor ein paar Jahren ein Schattendasein führte. Die Region freut sich am Erfolg, bedingt durch das wärmere Klima. Das bedeutet wohl auch, dass Weinbau in wenigen Jahren vor den Toren Hamburgs möglich wird. Von Weinbergen kann aber dann nicht die Rede sein … Die gehören dem Süden und zwar bis zur Stiefelspitze!

Text: Rebecca Koellner