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Story/Thema Januar 2010

Wenn’s ein bisschen mehr sein darf

Wenn’s ein bisschen mehr sein darf

Große Portionen für große Mägen
Ungesund. Kalorienreich. Aber manchmal besser als ihr Ruf. Gerade dann, wenn man nicht alles auf einmal isst.
Früher waren sie das Maß aller Dinge: Große Portionen in der Gastwirtschaft für Menschen mit großem Energiebedarf. Doch der Schreibtischtäter – und das sind wir heute in den allermeisten Fällen – verträgt allzu üppige Kalorienschlachten nicht mehr und verlegt sich eher auf schicke Salate mit fettfreien Dressings und schlanken Geflügelstreifen. „Schnickschnack“, nennt Michael Krause solches Essen und knallt Steaks auf den Tisch, dass die Erde wackelt.

Größer, dicker, fetter

XL, XXL oder sogar Triple-X: Seit einiger Zeit liegt die gastronomische Lust auf Rekorde im Trend. Die Fernsehsender schicken bedrohlich voluminöse Persönlichkeiten ins ganze Land hinaus, um zu sehen, wer das größte Schnitzel, den schwersten Burger das dickste Steak oder die fettigste Bratwurst auf den Teller wuchtet. Einher geht diese Jagd nach Extremen mit herausfordernden Fress-Wettbewerben, bei denen die Kandidaten mit möglichst dehnbaren Mägen ausgestattet sein sollten, um übergroße Mengen in kurzer Zeit in sich hineinstopfen zu können. Oder die Teilnehmer an derlei Verdauungsathletik sollten besonders unempfindlich auf Schärfe reagieren, wie es bei der Teilnahme an Chili-Wettbewerben unbedingt geboten ist.

Im Land des unbegrenzten Fressens

In Amerika ist der Hang zu kolossalen Mahlzeiten ein alter Hut – dort hat sich neben XXL-Portionen an jeder Straßenecke sogar eine Liga der größten Vielfraße etabliert. Und es gibt Menschen, die davon leben, unglaublich viel essen zu können. Diese Leute verstehen sich selbst als Hochleistungssportler und sind – entgegen einem Klischee – eher von schmaler Statur und durchaus gut trainiert. An der Weltspitze stehen derzeit ein Amerikaner und ein Japaner. Joey Chestnut verputzt zum Beispiel 47 gehaltvolle Käsetoasts in nur zehn Minuten. Sein schmächtiger Kollege Takeru Tobayashi, der es offenbar gern rustikal mag, verschlingt drei Pfund gekochtes Rinderhirn in 15 Minuten. Die Königsdisziplin aber ist das jährliche Hotdog-Wettessen auf Coney Island in New York, das bereits seit 1916 am Unabhängigkeitstag stattfindet. Es ist so eine Art Wimbledon für Hochleistungsfresser. Dort sorgen Unmengen an Würstchen in schwammiger Hülle für ein epochales Völlegefühl: Der Rekord liegt derzeit bei 68 Hotdogs in zehn Minuten. Joey Chetnut hat diese Fressleistung vollbracht – amerikanische Sportsender haben die Würstchenorgie live übertragen.

Gesund?

Viel zu essen gilt als ungesund. Und von besonders ungesunden Dingen große Mengen zu essen, kann sogar tödlich sein: Beim Training mit Wasser, das vor dem Wettkampf seinen Magen dehnen sollte, kam es zum Durchbruch, und ein Wettesser aus Wales erlag seinen Verletzungen. Aber fort mit diesen unschönen Gedanken – schließlich wird das Wettessen hierzulande noch nicht mit solchem Ernst betrieben, schon gar nicht bei uns am schönen Bodensee.

Die heimliche Gier

Aber irgendwie steckt es doch in uns allen drin: Wenn der Heißhunger kommt, oder uns an einem Büffet flegelhafte Konkurrenten die besten Happen wegzuschnappen drohen, werden wir ein bisschen gierig. Dann langen wir zu und leben unseren Futterneid konsequent aus, verzehren Portionen, die eigentlich für zwei oder drei gereicht hätten. Möglicherweise ist es dieser Instinkt, auf dem gewiefte Gastronomen ihren Erfolg gründen. Denn einmal hemmungslos essen, darf man sich doch mal gönnen, oder? Dabei kommt dem Gewissen des Essers der Umstand zugute, dass man von Kindesbeinen an immer eingebläut bekommen hat, dass man den Teller leer essen soll. Nur: Damals hat niemand gesagt, wie groß Teller sein können und welche Mengen sich auf ihnen stapeln lassen.

Das Fleisch-Gericht

Michael Krause vom Restaurant Triple X in Lindau hat Ahnung von großen Portionen. Der Wirt offenbart auf seiner Karte jede Menge Sattmacher. Wer wissen will, was fleischliche Versuchung wirklich bedeutet, der sollte sich einmal an das „Triple X Hüftsteak vom argentinischen Rind“ heranwagen. Unsere Testperson Uli hat sich freiwillig der Herausforderung gestellt. Berührungsängste kennt er nicht, denn Fleisch ist sein Gemüse. Wenn es nach ihm ginge, würden sogar die Beilagen aus Fleisch bestehen, oder das Dessert. Also bestellt er so ein Riesengerät von Steak, das am Ende auf seinem Teller 750 Gramm wiegt. Mit gewetztem Messer legt er los.

„Große Portionen haben keinen besonders guten Ruf“, philosophiert Michael Krause indes, der sich grinsend in seinem vollen Lokal umsieht. Zu unrecht, wie er findet. „Natürlich kann das Essen im XXL-Format auch richtig hochwertig und gut sein.“ Fürwahr ist an dem rosa gebratenen Steak von Uli nichts auszusetzen: Der erste Schnitt offenbart den idealen Garzustand, Fleischsaft tritt reichlich aus, und die schlichte Garnitur mit guter Kräuterbutter überdeckt die Aromen der Rohstoffe nicht. Ordentliche Pommes dazu, kein Grund zu meckern. Ein paniertes Schnitzel im Doppelformat vermag ebenfalls die Vorurteile gegen die XXL-Welle zu widerlegen – zumindest hier im Triple X: Das Fleisch ist fingerdick, die Panade im richtigen Verhältnis. Hier hat niemand versucht, mit möglichst vielen Semmelbröseln briefmarkendicke Fleischlappen zu ummanteln und auf diese Weise Größe zu simulieren. Auch der Hamburger überzeugt durch handwerkliche Kunst, das Fleisch ist nicht vorgestanzt und stammt nicht aus dem Tiefkühler. Uli isst indes unbeirrt weiter, und während das Steak abnimmt, scheint das Behagen beim unerschrockenen Esser zuzunehmen. Sogar die Beilagen verschwinden konsequent im offenbar sehr leistungsfähigen Magen. „Wem es zuviel ist, der kann sich den Rest doch einfach einpacken lassen“, sagt Wirt Krause und kann nicht sehen, dass seine großen Portionen schuld daran sein sollen, wenn die Leute zu viel essen. Alufolie zum Einpacken braucht Uli nicht. In rund 35 Minuten hat er das Steak verdrückt. „Gut war’s“ und der leere Teller spricht für sich.

Und was lernen wir daraus? Viel muss nicht schlecht sein, wenn man Vernunft walten lässt. Oder um es mit Paracelsus zu sagen: Die Dosis macht das Gift. Und für die Dosis ist jeder selbst verantwortlich, ganz egal, wieviel auf dem Teller liegt.

Weitere Infos:
www.xxl-tempel.de ist ein Verzeichnis von Restaurants, die extra-große Portionen anbieten.
www.xxlfood.de ist „Deutschlands wohl bekanntestes Portal zum Thema XXL Essen“.

Adressen
Restaurant Triple X
Kemptener Straße 94
D-88131 Lindau
Tel. 08382 260 28 38
Essen ganz groß in Normal-, Double- oder Triple-Größe

Bibob
Industriestraße 2
D-89616 Rottenacker
Tel. 07393 95 04 35
www.bibob.de
Riesen-Hamburger und mächtige Pizzen

Gasthaus Hasen
Moosheimer Str. 1
D-88518 Herbertingen
Tel. 07586 5210
www.gasthaushasen.de
große Portionen allgemein

Gasthof Reiterstuben
Milpishaus 3
D-88374 Hoßkirch 2
Tel. 07587 1409
www.reiterstuben-milpishaus.de
große Portionen allgemein

Pizzeria Romantica
Blauwstraße 1
D-8348 Bad Saulgau
Tel. 07581 48 49 55
Große Pizzen

Zum Hackl Schorsch
Hauptstraße 25
D-88636 Illmensee
Tel. 07558 1269
www.zum-hackl-schorsch.com
Große Portionen allgemein

Brauhaus Johann Albrecht
Konradigasse 2
D-78462 Konstanz
Tel. 07531 25045
www.brauhaus-joh-albrecht.de
Haxe satt

Café Turm
Hussenstraße 66 (am Schnetztor)
D-78462 Konstanz
Tel. 07531 22228
www.cafe-turm.com
Schnitzel bis XXL

Meisterklause – Die Schnitzelfarm
Zum Schwarzenberg 47
D-78476 Allensbach-Hegne
Tel. 07533 93 65 72
www.meisterklause.com
Riesenschnitzel

Linde Arlen
Lindenstraße 7
D-78239 Rielasingen-Worblingen
Tel. 07731 51124
www.wirtschaft-zur-linde.de
Riesige Fleischportionen

Gasthaus Hirschen
Schaffhauserstraße 1
CH-8226 Schleitheim
Tel. 052 680 11 31
www.hirschen-schleitheim.ch
XXL-Cordon Bleu

Restaurant National
Alleestraße 34
CH-8590 Romanshorn
Tel. 071 463 19 39
www.national-romanshorn.ch
Schnitzel in Ohrengröße aus dem Tierreich

Restaurant Waffenplatz
Kunklerstrasse 12
CH-9015 Sankt Gallen
Tel. 071 310 19 03
www.x-xl.ch
alles in XXL

Text: Erich Nyffenegger