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Story/Thema Januar 2008
Bio-Lebensmittel: Die Regionalität ist wichtig
Spätestens, seit in Deutschland die Discounter in den Markt mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln eingedrungen sind, ist Bio in aller Munde. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben zwischen Januar und September 2007 bereits 85 Prozent aller bundesdeutschen Haushalte mindestens einmal Produkte aus dem Bio-Bereich gekauft. Werden Lebensmittel aus Ökoanbau im Zuge dieser „Bio-Schwemme“ zum Massenprodukt? Wie viel Bio ist da überhaupt noch drin? Und wie sieht es aus in der Schweiz und in Österreich?
Bio für alle? Der Markt mit Bio-Lebensmitteln ist stark in Bewegung geraten. Schon lange, bevor Aldi, Lidl & Co. auf „Grün“ setzten, ragte Bio weit und breit als einzige Wachstumsbranche auf dem Lebensmittelsektor hervor. Bio boomt, heißt es allenthalben. Doch der mit dem Einzug in die Discounter verbundene positive Aspekt von „Bio für alle“ könnte auch gehörige Nachteile mit sich bringen: Die einheimischen Produzenten sind nicht mehr in der Lage, die wachsende Nachfrage zu befriedigen, die Discounter decken ihren Bedarf an Bio-Lebensmitteln zunehmend aus dem Ausland. Was wiederum die Verbraucher verunsichert. Und die Frage nach unabhängigen Kontrollen noch verschärft. Doch es geht auch anders. Beispiel: Bodan, ein Großhandel für Naturkost mit Sitz in Überlingen. Das Unternehmen beliefert den Bio-Fachhandel im gesamten süddeutschen Raum und Vorarlberg mit dem Bio-Vollsortiment. Vor 20 Jahren gegründet, hat sich Bodan aus einem kleinen Markthandel zu einem Betrieb mit 80 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 36,4 Millionen Euro entwickelt. Andreas Schur, bei Bodan zuständig für Marketing und Kommunikation, berichtet von einem Umsatzzuwachs im Bio-Fachhandel von bis zu 20 Prozent in den letzten Jahren. Expansionsbestrebungen über Süddeutschland hinaus gebe es bei Bodan dennoch nicht: „Wir sehen uns als Regionalgroßhandel, und dabei soll es bleiben.“ Was allerdings angestrebt und unterstützt wird, ist eine Vergrößerung der zum Großteil immer noch eher kleinräumigen Bio-Läden. Die Bodan-Unternehmensstrategie ist klar: Ihr Kern ist die intensive, langfristig-nachhaltige Beziehung zu allen Partnern, Produzent wie Fachhändler. Die vornehmlich regionalen Bio-Erzeuger bei Bodan haben Profil, sind laut Schur oft „Lieferanten der ersten Stunde“. Man bespricht zusammen die Anbaupläne für die kommende Saison – das bringt Planungssicherheit und verhindert Lieferengpässe. Diese Nähe zum Erzeuger impliziert Vertrauen: Man weiß, mit wem man es zu tun hat. Alle Bodan-Produzenten sind den Bio-Anbauverbänden wie Demeter oder Bioland angeschlossen.
Ohne Importe geht es nicht
Trotz der Maxime „Regional ist 1.Wahl“ kann auch der Bio-Fachhandel nicht auf Importe aus dem Ausland verzichten. Der Verbraucher will nun mal Bananen und Ananas und möglichst das ganze Jahr über knackig frische Äpfel. Aber auch hier gibt es für die Macher bei Bodan keine Vertrauensdefizite: Bio-zertifizierte Ware aus fernen Ländern wird hierzulande regelmäßigen Proben unterzogen. Zudem dürfen nur Länder, deren Produktionsstandards und Kontrollen denen der EU vergleichbar sind, ihre Ware hier anbieten. Das sind zur Zeit die Schweiz, Neuseeland, Australien, Argentinien, Costa Rica, Indien und Israel. Importe aus anderen Ländern werden von Fall zu Fall beurteilt. Natürlich taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auch die Frage nach der Öko-Bilanz auf. Die einzig richtige Antwort darauf gibt es nicht. Sascha Damaschun, bis vor kurzem Mitarbeiter beim Modellprojekt Konstanz und jetzt bei Bodan im Vertrieb, erzählt von Untersuchungen, die ergaben, dass aus China importierter Apfelsaft eine bessere Ökobilanz habe als einheimischer. Wie das möglich ist? Hier werde mit riesigen Mengen in Containerschiffen gegenüber „kleinteiligem“ Transport in Lkws kalkuliert. Entgegen dem weit verbreiteten Verbraucherwunsch nach ganzjähriger Verfügbarkeit bestimmter Produkte versuche man seitens des Bio-Fachhandels dennoch, das Bewusstsein für die Saisonalität zu schärfen. Was inzwischen jedoch dem Kampf gegen Windmühlen gleicht, denn die Discounter haben auch hier die Deutungshoheit an sich gerissen. Damaschun: „Lidl und Aldi bestimmen, wann die Kürbiszeit beginnt.“ Auch wenn die einheimischen Kürbisse noch gar nicht reif sind
Sozial und ökologisch?
Für den Bio-Fachhandel haben die Wirtschaftsverbindungen nach Übersee noch eine ganz andere, nämlich die soziale Komponente. Auch zu den Produzenten in Costa Rica oder Argentinien bestünden, so Schur, gewachsene Beziehungen. Der Bio-Anbau und die Abnahmegarantie ermögliche vielen Menschen in diesen Ländern eine Lebensperspektive. Als jüngstes Beispiel nennt er ein Südafrika-Projekt des Biowein-Importeurs Peter Riegel, das zur Verbesserung der Lebensumstände der dortigen Mitarbeiter und ihrer Familien führt. Bio ist also nicht zwingend ökologisch sinnvoll und Bio ist auch nicht gleich Bio. Sascha Damaschun erklärt es so: „Das sechseckige EU-Bio-Siegel erfüllt den Mindeststandard. Man hat sich hier sozusagen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Dazu gehört der Verzicht auf Pestizide und chemische Dünger. Das Bio-Siegel ist also eine Art Negativ-Definition. Die Bio-Verbände sind aber aus einer anderen Richtung heraus entstanden: Für die Fruchtfolge, für einen geschlossenen Nährstoffkreislauf und dergleichen. Unser und das Bestreben der Bio-Anbauverbände ist es, ein anderes Verständnis von Landwirtschaft zu vermitteln. Natürlich spielen auch hier der ökologische und der soziale Gedanke eine Rolle.“
Bio ist nicht gleich Bio
Für den Verbraucher heißt das: Wer 100 Prozent Bio will, der sollte auf die Produkte der Öko-Pioniere zurückgreifen. Das sind die Anbauverbände Naturland, Bioland, Biopark, Biokreis, Demeter, Ecoland, Ecovin und Gäa. Hinter diesen Namen stehen Produzenten, die sich für eine nachhaltige, ganzheitliche Landwirtschaft einsetzen. Ihre Richtlinien, beispielsweise für Ackerbau, Tierhaltung und Naturschutz, sind die strengsten auf dem Bio-Sektor. Wer dagegen nicht zu 100 Prozent Bio braucht, der ist mit dem sechseckigen EU-Bio-Siegel gut bedient. Hier sind die Verordnungen lockerer: Zum Beispiel sind mehr Tiere pro Hof erlaubt, und die können ganzjährig im Stall bleiben und Silage fressen. Allerdings müssen die Zutaten für Lebensmittel mit Bio-Siegel zu 95 Prozent aus ökologischer Herkunft stammen. In den Bio-Regalen der Supermärkte und Discounter ist das EU-Siegel die Regel. Man sieht es inzwischen überall. Wie aber decken Lidl und Aldi ihren immensen Bedarf an Bio-Produkten? Bestimmt nicht alleine bei deutschen Bio-Bauern. In Niedersachsen und den neuen Bundesländern gebe es einige große Bio-Produzenten, weiß Andreas Schur. Der überwiegende Teil stammt aus osteuropäischen Ländern oder aus Spanien und China. Mit der zunehmenden Größe des Bio-Marktes wächst natürlich auch die Gefahr des Betrugs. Ganz zu schweigen von der Preis-Abwärtsspirale, an deren Ende natürlich der Produzent in die Röhre schaut. Sascha Damaschun dazu: „Wenn Bio billig ist, zahlt trotzdem jemand den Preis.“ Bei allen Vorbehalten hat der Bio-Vorstoß der Discounter auf jeden Fall erreicht, dass das Thema Bio mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist.
Eine „Insel der Seligen“
Wenn die deutschen Verbraucher in der Bodenseegegend schon „doppelt so Bio“ sind wie der Rest der Republik, dann sind die Schweizer Spitze. Sie haben allerdings auch nicht die Probleme wie ihre nördlichen Nachbarn. Toralf Richter, der Projektleiter Marketing für den Schweizer Fachhandel bei Bio Plus, weiß nichts von einer Bio-Schwemme, und der Anteil an Discountern ist in der Schweiz ohnehin marginal. Dafür haben die beiden Lebensmittelriesen Coop und Migros schon vor Jahren mit einem Bio-Sortiment begonnen und decken heute 80 Prozent des Schweizer Bio-Marktes ab. Der Rest läuft über Bio-Läden. Bei den Bio-Umsätzen pro Kopf, so Richter, stehe die Bundesrepublik heute dort, wo die Schweiz im Jahre 2000 stand. „Wir haben im Bio-Bereich ein gesundes, konsolidiertes Wachstum“, berichtet er. Die Schweizer Bio-Verordnung wurde entsprechend der EU-Verordnung angelegt, um den Außenhandel zu vereinfachen. Das Schweizer Bio-Label, die Knospe, gilt für 95 Prozent aller Bio-Produkte – der Rest ist landeseigene Demeter-Ware. Tatsächlich sind aber die landesinternen Richtlinien sehr streng, „strenger als die bei Bioland“, sagt Toralf Richter. So ist in der Schweiz bei Bio-Lebensmitteln die Zugabe jeglicher Art von farbgebenden Stoffen, auch natürlichen, verboten. Coop und Migros haben eigene Verarbeitungsbetriebe: Sie decken ihren Bedarf, auch an Bio-Ware, in erster Linie im Land. Auch die Bio-Läden bedienen sich sozusagen vor der Haustür. Aus dem Ausland kommen vornehmlich exotische Früchte, Gemüse, Getreide. Und die unterliegen den gleichen Kontrollen wie die Inlandsprodukte. Vor Lieferengpässen bei den heimischen Produzenten infolge steigender Nachfrage hat man in der Schweiz nach Auskunft von Toralf Richter keine Angst: Da die Entwicklung auf dem Bio-Markt langsam, aber kontinuierlich nach oben geht, ist man immer in der Lage, sich rechtzeitig anzupassen.
Österreich braucht mehr Bio-Bauern
Wieder anders sieht es in Vorarlberg aus. Der Anteil an ökologisch wirtschaftenden Bauern ist in Österreich hoch – ganze 15 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knappe zehn Prozent. Der Bio-Markt deckt sich folglich bisher vornehmlich im eigenen Land ein. Auch der Discounter Hofer, das österreichische Pendant zu Aldi, bietet zum Großteil einheimische Bio-Ware an. Aber das könnte sich bald ändern: Nach Auskunft von Birgit Strohmeier, bei Bio Austria Vorarlberg zuständig für regionale Vermarktung und Produzentenarbeit, hat auch in Österreich der Bio-Konsum stark zugenommen. „Wir benötigen etwa 10 000 neue Biobauern“, sagt sie und folgert: „Eigentlich wäre eine flächendeckende Ökologisierung von Vorteil.“ Das dürfte zwar noch eine Weile dauern, doch der Weg dahin ist bereits beschritten: Im Jahr 2005 verzeichneten die Umsätze am österreichischen Bio-Markt mit rund 500 Millionen Euro ein Rekordhoch. 64 Prozent davon entfielen auf Supermärkte, 14 Prozent auf den Naturkost-Fachhandel. Birgit Strohmeier: „Gerade in Vorarlberg kauft die Bevölkerung sehr bewusst ein. Die regionalen Produkte spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Vertrauen der Verbraucher in einheimische Ware ist groß.“ Klar, dass auch hier die Bananen eingeführt werden müssen, aber ähnlich wie in der Schweiz wird die Regionalität sehr hoch eingeschätzt. Bio Austria versucht deswegen, mit gezielten Initiativen auf das große Potenzial des Biolandbaus für die heimische Landwirtschaft aufmerksam zu machen und konventionell wirtschaftende Landwirte für eine Umstellung auf die biologische Wirtschaftsweise zu gewinnen, um die Inlandsnachfrage auf längere Sicht befriedigen zu können. Darüber hinaus setzt sich Bio Austria Vorarlberg, wie Birgit Strohmeier betont, für eine gentechnikfreie Bodenseeregion ein. Die Gründung von Bio Austria vor etwa zwei Jahren vereinfachte die frühere Bio-Siegel-Vielfalt. Zwar haben die Supermärkte nach wie vor ihre eigenen Dachmarken wie „Natur pur“ oder „ja natürlich“, ansonsten gilt das Bio-Austria-Siegel und – wie überall – Demeter. Grundlage der Bio-Richtlinien ist selbstverständlich die EU-Verordnung, von unabhängigen Kontrollstellen werden Produzent, Verarbeitung und Handel kontrolliert. Zusammenfassend kann man feststellen: Bio ist endgültig keine Nischenware mehr. Wann Bio aber wirklich Bio ist, liegt letztlich im Ermessen des einzelnen Verbrauchers. Im Idealfall treffen die Faktoren biologisch, regional, ökologisch, sozial zusammen.
Weitere Informationen:
Bodan, Zum Degenhardt 26, 88662 Überlingen, Tel. +49 (07551) 9479-0, info@bodan.de, www.bodan.de
Bio Plus AG, Staufferstraße 2, 5703 Seon, Tel. +41(0) 62 769 00 88, info@bio-plus.ch, www.biopartner.ch
Bio Austria Vorarlberg, Jahnstraße 20, 6900 Bregenz, Tel. +43 (0) 5574 537 53, vorarlberg@bio-austria.at, www.bio-austria.at/bundeslaender/vorarlberg
Text: Claudia Antes-Barisch


